Porträt
Ralf Minge startete seine erfolgreiche Karriere auf einem Umweg. Der Fußballer war nämlich nicht mit 13 Jahren an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Dresden delegiert worden wie die meisten seiner späteren Mitspieler bei Dynamo. Er kickte bei der TSG Gröditz und begann in Freital eine Lehre zum Instandhaltungsmechaniker mit Abitur. Dort trainierte er auf eigene Faust. "Ich wollte das Maximale herausholen, um mir nicht vorwerfen zu müssen, mein Talent – das wenige, das ich hatte – weggeworfen zu haben", beschreibt er seine Motivation. Mit dem starken Willen, seine selbst gesteckten Ziele zu erreichen, schoss sich Minge mit seinen Toren in den Blickpunkt. Zunächst bei seinem Russischlehrer an der Berufsschule, der seine Schüler montags Texte übersetzen ließ, um in Ruhe das "Sportecho" und die "Fußballwoche" lesen zu können. Eines Tages fragte er nach dem Unterricht: "Ralf, ist das ein Verwandter von Ihnen, der in Gröditz Fußball spielt?" Von da an klappte es auch mit den Freistellungen für die Trainingslager.
Im Frühjahr 1980 durfte Minge als 19-Jähriger dann zur Probe bei Dynamo trainieren. Doch in den ersten Übungsspielchen führten ihn die Stars vor. "Das hat in mir eine Trotzreaktion ausgelöst", erinnert sich der Stürmer, der nun auf Angriff umschaltete. Sein Debüt in Schwarz-Gelb gab Minge am 1. Oktober 1980 im Europapokalspiel bei Napredak Krusevac in Jugoslawien, sein erstes Tor für Dynamo erzielte er drei Wochen später gegen Chemie Böhlen per Kopf. Insgesamt wurden es 103 Treffer in der DDR-Oberliga, 34 im Pokalwettbewerb und neun im Europacup. Bevor er 1991 seine Karriere verletzungsbedingt beendete, führte Minge die Dresdner als Kapitän in die vereinte Bundesliga.
Minge blieb dem Fußball als Trainer und Manager treu – vor allem aber sich selbst. Ehrlich, konsequent und ohne faule Kompromisse. 1999 erlebte er eine der spektakulärsten Trainer-Entlassungen in der deutschen Fußballgeschichte. Bei Fortuna Köln wurde Chefcoach Harald "Toni" Schumacher in der Halbzeitpause vom allmächtigen Klubboss Jean Löring entlassen. Am nächsten Tag löste Minge seinen Vertrag auf. Bei Bayer 04 Leverkusen stellte er fortan seine Fähigkeiten als Co-Trainer unter Klaus Toppmöller, später als Trainer der U23 und Leiter des Nachwuchsleistungszentrums unter Beweis. Diese Qualitäten brachte er ab 1. Juli 2007 auch als Sportdirektor von Dynamo Dresden ein. Er wollte den Verein, mit dem er seine sportlichen Erfolge gefeiert hatte, mit seinem Engagement vorwärts bringen. Ehrenamtlich hatte er sich auch aus der Ferne immer engagiert, setzte sich für den Stadionneubau und das Nachwuchsleistungszentrum ein, betreute Kinder der Region in Fußballcamps, war Fürsprecher und Werbeträger.
Doch im April 2009 warf er das Handtuch. Aus Protest gegen die Verträge für die Nutzung und Vermarktung des neu gebauten Rudolf-Harbig-Stadions, die dem Verein seiner Meinung nach die Perspektive nehmen. Sein Rücktritt sollte ein Signal sein an die Vertragspartner. Doch der Streit um die Stadionkosten flammte im Januar 2010 neu auf – und die von Minge angemahnte langfristige Lösung des Problems wurde wieder nur in Aussicht gestellt.
Ralf Minge weiß, wovon er redet, wenn er über Stressmanagement, Motivation, Zielsetzung, Führung und Kommunikation spricht. Auf beiden Seiten des Profi-Fußballs hat er viele Situationen erlebt, aus denen er die Erkenntnisse ziehen konnte, die er jetzt anderen vermittelt. Sein Grundsatz dabei ist die Weisheit des griechischen Philosophen Aristoteles (384 bis 322 v.Chr.): "Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen!"
Quelle: Sven Geisler/Jürgen Schwarz: Dynamo Dresden. Legenden. Schicksale. Geschichten. EditionSZ, Dresden April 2008, 256 Seiten.




